Bayern und Ungarn hatten im 10. Jahrhundert eine gemeinsame Grenze. Die Ungarn haben damals, so prägte es sich dem Gedächtnis von Generationen ein, als „reitende Räuber“ in Bayern geplündert, Klöster und Dörfer niedergebrannt und verwüstet. Dass manche bayerische Herren an diesen Raubzügen nicht ganz unschuldig waren, dass sie sich von Fall zu Fall sogar mit den Ungarn verbündeten und bei Notsituationen auch bei ihnen Zuflucht suchten, soll nicht verschwiegen werden. So fand der bayerische Herzog Arnulf zwischen 914 und 917 gleich zwei Mal Aufnahme am ungarischen Hof, siehe Nibelungenlied.

Die große Wende brachte, der Überlieferung nach, die Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg im Jahr 955. Sie endete mit einem grandiosen Sieg König Ottos, auch wenn einige bayerische Adelige alles dafür getan hatten diesen Sieg zu verhindern.

 

Großfürst Géza war ein Nachkomme des ungarischen Großfürsten Àrpád, unter dessen Führung die ungarische Landnahme im Karpatenbecken vor sich gegangen war. Er konnte seine Macht auf dem ganzen pannonischen Raum ausdehnen. Sein Streben galt bereits dem Ziel einer christlichen Herrschaftsbildung, weshalb er sich politisch dem Reich näherte und die Missionierung seines Volkes durch Anlehnung an das Reich in die Wege leitete. Der Vollendung dieses Werks, die Großfürst Géza nicht mehr erleben sollte, war auch die um

995/96 erfolgte Vermählung seines Sohnes Stephan mit Prinzessin Gisela verpflichtet. Diese arpadisch - ottonische Eheverbindung diente nicht nur der bayerisch - ungarischen Friedensverhandlungen. Großfürst Géza wollte durch diese Eheschließung eine Stütze für die Herrschaft seines Nachfolgers Stephan verschaffen.

 

Die erste ungarische Königin Prinzessin Gisela kam um 985 als Mitglied des Königs - und Kaisergeschlechts der sächsischen Liudolfinger bzw. Ottonen auf die Welt. Zu ihren Vorfahren zählten König Heinrich I. und Kaiser Otto der Große. Sie gehörte allerdings einer Nebenlinie der Ottonen an, die 948 die Herrschaft in Bayern angetreten hatte. Ihr Vater, Herzog Heinrich der Zänker, war mit der burgundischen Königstochter Gisela verheiratet und verstand es die traditionell starke und eigenständige Machtstellung der bayerischen Herzöge innerhalb des ostfränkischen Reichs zu einem neuen Höhepunkt zu führen.

Der um 970 geborene ungarische Prinz Stephan, dessen ursprünglicher Name Vajk lautete, wurde in seiner Jugend getauft und vermutlich zwischen 995 und 997 mit Gisela vermählt. Dem Chronisten Hermann dem Lahmen zufolge war die Hochzeit in direktem Anschluss an Stephans Taufe erfolgt. Durch eine symbolische Deutung von Giselas Namen kam er zum Schluss, dass sie als „Geisel“ bzw. als „Bürge“ des Glaubens mit Stephan vermählt worden sei.
Gisela und Stephan erfüllten das Vermächtnis des Großfürsten Géza, sie haben sowohl die Christianisierung als auch die Gründung des Königreichs Ungarn verwirklicht. Dabei gingen sie in bewusster Anlehnung an das bayerische Herzogtum und das Reich vor. Insbesondere nachdem Giselas Bruder, Bayernherzog Heinrich IV., im Jahr 1002 als Heinrich II. zum ostfränkisch -deutschen König und 1004 als Kaiser zum ranghöchsten Monarchen der abendländischen Christenheit aufgestiegen war.

 

Nach dem Tod seines Vaters besiegte Stephan 997 bei Veszprém seinen Onkel Koppány mit Hilfe bayerischer Ritter und beseitigte so das letzte Hindernis, das der Etablierung einer Zentralmacht im Wege gestanden hatte.

1000/01 erhielt Stephan von Papst Silvester II. die Königskrone und begründete das christliche Königreich Ungarn.

Zwischen Bayern und Ungarn wurden unzählige Kontakte geknüpft. Ihre Wirkung lässt sich in jedem Bereich des kirchlich – politischen Lebens nachweisen, so dass man von der Regierungszeit König Stephans des Heiligen als einer Epoche der engen Angliederung Ungarns an das Reich sprechen kann. Bei diesen Kontakten handelte es sich keineswegs nur um eine Ausnützung der günstigen Konjunktur. Dem Werk des ungarischen Königspaares lag vielmehr das Konzept einer langfristigen Anbindung Ungarns an das Reich zu Grunde. Das bringt vor allem die Namensgebung für die zwei namentlich bekannten Söhne des Königpaares sinnfällig zum Ausdruck. In der Taufe erhielten sie die Leitnamen des ottonischen Kaisergeschlechts „Otto“ und „Heinrich/Emmerich“. Sie sollten als Nachkommen des von Gisela und Stephan gegründeten christlichen Herrschergeschlechts gemäß dem Auftrag ihres Namens die Tradition der engen Verbundenheit Ungarns mit dem Reich fortführen.

Dazu kam es allerdings nicht. Die beiden Söhne starben frühzeitig und durch den Dynastiewechsel im Reich im Jahr 1024 rissen die familiären Verbindungen zwischen Ungarn und dem Reich ab. Nach dem Tod König Stephans im Jahr 1038 hat sich auch in Ungarn eine andere Linie der Arpaden in der Königsherrschaft etabliert. Die Königinwitwe Gisela musste ihre Wahlheimat verlassen. Sie starb um 1060 als Äbtissin des Klosters Niedernburg in Passau.

Diese widrigen Zeitumstände haben eine Fortführung der früheren engen Kontakte keinen Raum mehr gelassen. Das Lebenswerk der ersten ungarischen Königspaares hat jedoch den bayerische- ungarischen Beziehungen die Tradition einer einzigartigen Verbundenheit aufgeprägt, die noch über mehrere Jahrhunderte erhalten bleiben sollte.